Die anatomischen Strukturen und ihre Bedeutung für Nacken- und HWS-Beschwerden

Entsprechend ihren schwierigen Aufgaben sind die anatomischen Strukturen der Halswirbelsäule auch besonders komplex aufgebaut. Bandscheiben, Wirbelkörper, Nerven, Faszien und Muskelsystem müssen fein aufeinander abgestimmt sein, um störungsfrei zu funktionieren.

Nicht nur diese lokalen Strukturen können sich auf Nacken- und HWS-Beschwerden auswirken. Wir wissen heute, dass sehr viele andere Faktoren Nackenschmerzen hervorrufen können, die zunächst teilweise keinen direkten Zusammenhang vermuten lassen, bei genauerem Hinsehen jedoch als echte Schmerzauslöser identifiziert werden können.

Bei einer gezielten Strukturdiagnostik werden sowohl lokale, als auch übergeordnete Strukturen in die Untersuchung miteinbezogen und ein spezielles Profil Ihrer Halswirbelsäule erstellt.

 

Lokale Strukturen

Bandscheiben

Anatomie

Die Bandscheiben verbinden jeweils zwei Wirbelkörper miteinander. Sie bestehen aus einem äußeren Faserring und einem gallertartigen Kern. Eine Sonderstellung nimmt die obere Halswirbelsäule ein. Zwischen dem ersten und zweiten Halswirbelkörper gibt es keine Bandscheibe, sondern es besteht eine gelenkige Verbindung zwischen dem vorderen Wirbelbogen des ersten Halswirbelkörpers (Atlas) und der Spitze (Dens) des zweiten Halswirbelkörpers.

Funktion

Die Bandscheiben ermöglichen Bewegungen zwischen zwei Wirbelkörpern und haben eine Stoßdämpferfunktion.

Störungen

Veränderungen des Wassergehaltes (Chondropathie), Vorwölbungen des weichen Kerns gegen den äußeren Faserring (Protrusion), Risse im Faserring, Austreten von Gewebe aus dem Kern in den Rückenmarkkanal (Bandscheibenvorfall)

Wirbelkörper, Wirbelgelenke und Rückenmarkkanal

Wirbelgelenke = Facettengelenke
Rückenmarkkanal = Spinalkanal

Die Wirbelkörper stellen die knöchernen Elemente der Wirbelsäule dar. Die Halswirbelsäule besteht aus sieben Wirbeln. Diese setzen sich wiederum aus einem Wirbelkörper und einem Wirbelbogen, der unter anderem den Wirbelkanal bildet, sowie Wirbelgelenken, die die einzelnen Wirbelkörper miteinander verbinden, zusammen. Der erste und der zweite Halswirbelkörper unterscheiden sich von den übrigen Wirbelkörpern. Der erste Halswirbelkörper (Atlas) hat eine ringförmige Struktur. Die oberen Gelenke sind mit dem Schädel verbunden, die unteren Gelenke mit dem zweiten Halswirbelkörper. Der zweite Halswirbelkörper (Axis) unterscheidet sich von den übrigen Halswirbelkörpern durch eine knöcherne Spitze (Dens), die eine Gelenkverbindung zum vorderen Bogen des ersten Halswirbelkörpers besitzt.

Funktion

Die Wirbelsäule ist ein wesentliches Stützelement des Körpers. Der Wirbelkanal dient dem Schutz der Nervenstrukturen. Die obere Halswirbelsäule ist mit dem Kopf verbunden, nach unten hat die Halswirbelsäule Verbindungen mit dem Brustkorb und der Brustwirbelsäule. Die Halswirbelsäule dient der Positionierung des Kopfes im Raum.

Störungen

Skoliose, Brüche, Wirbelkanaleineingungen (Spinalkanalstenose),
Arthrose der Wirbelgelenke (auch als Spondylarthrose oder Facettenarthrose bezeichnet)

Nerven

Anatomie

Ein Nervengeflecht, mit einzelnen Fasern und Verschaltknoten, durchzieht den ganzen Körper. Man unterscheidet das Nervensystem, das willkürlich beeinflusst werden kann (peripheres Nervensystem, z. B. Aktivierung der Muskulatur) und das Nervensystem, welches eigenständig arbeitet (autonomes Nervensystem, z. B. Herzschlag, Verdauung). Die Nerven, die die Halswirbelsäule durch die Nervenaustrittslöcher verlassen, bilden ein komplexes Geflecht (Plexus brachialis), welches die Arme versorgt.

Funktion

Nerven dienen dem Informationsaustausch zwischen Körperregionen. Durch die Nervenaustrittslöcher der Halswirbelsäule gelangen Informationen von und zu den Armen. Das Rückenmark, das im Wirbelkanal der Halswirbelsäule liegt, leitet Informationen auch von den und bis in die Beine weiter.

Störungen

Lähmungen, Missempfindungen, Stressreaktionen, Verdauungsstörungen

Schulter

Anatomie

Die Schulter bzw. das Schultergelenk als Teil des Schultergürtels besteht aus 3 knöchernen Anteilen: Schulterblatt, Oberarmkopf und Schlüsselbein. Die Muskulatur und Sehnen u.a. der Rotatorenmanschette bilden den weichteiligen Funktionsanteil.

Funktion

Die Schulter als Bindeglied zwischen Rumpf und oberer Extremität gewährleistet die Beweglichkeit des Armes. Das Schultergelenk ist das beweglichste Gelenk des Körpers.

Störungen

Störungen können unter anderem zu Schulterschmerzen oder einer eingeschränkten Beweglichkeit und Kraftentfaltung des Oberarmes führen. Aufgrund der engen anatomischen und funktionellen Verbindungen von Schulter und Halswirbelsäule können Störungen im Bereich des Schultergürtels auch zu Nackenbeschwerden führen bzw. können sich umgekehrt Probleme der Halswirbelsäule auf die Schulter projizieren.

Augen

Anatomie

Das Auge besteht aus einem vorderen Anteil mit Hornhaut, Lederhaut, Regenbogenhaut (Iris), Linse, Pupille und den Augenkammern sowie einem hinteren Anteil mit Glaskörper, Netzhaut (Retina) und Sehnerv als Verbindung zum Gehirn. Durch die, am Augapfel ansitzenden Augenmuskeln, wird das Auge in verschiedene Richtungen bewegt.

Funktion

Als Sinnesorgan dient das Auge der optischen Wahrnehmung der Umwelt. Zusätzlich besteht eine wichtige Funktion im Rahmen der Sensomotorik/Koordination. Praktisch jede Bewegung des menschlichen Körpers wird mithilfe der visuellen Wahrnehmung koordiniert.

Störungen

Zum einen verschiedenste Sehstörungen wie Doppelbilder, Unschärfe, zum anderen Symptome wie Schwindel oder Gleichgewichtsstörungen. Aufgrund der neuronalen Verschaltungen zwischen Augen und Halswirbelsäule im oberen Rückenmark/Hirnstamm können Nackenbeschwerden auch aufgrund von Sehstörungen entstehen oder im umgekehrten Fall Störungen der Halswirbelsäule zu einer eingeschränkten Sehfunktion führen.

Umgebende Strukturen

Ohren

Anatomie

Das Ohr besteht aus einem äußeren Anteil mit Ohrmuschel, äußerem Gehörgang und Trommelfell, dem Mittelohr mit den Gehörknöchelchen und dem Innenohr mit Hörschnecke und Gleichgewichtsorgan.

Funktion

Durch das Hörorgan werden einerseits akustische Reize der Umwelt aufgenommen, zum anderen besteht eine wichtige Funktion bei der Gleichgewichtsregulation.

Störungen

Hörstörungen, Ohrgeräusch (Tinnitus), Schwindel, Gleichgewichtsstörungen. Aufgrund der neuronalen Verschaltungen zwischen Ohrorgan und Halswirbelsäule im oberen Rückenmark/Hirnstamm können Hör- oder Gleichgewichtsstörungen des Ohres zu Nackenproblemen führen bzw. sich Störungen im Bereich der Halswirbelsäule auf die Hör-und Gleichgewichtsfunktion auswirken.

Zähne

Anatomie

Das Gebiss von Kindern besteht aus 20 Milchzähnen. Erwachsene besitzen im Normalfall 32 Zähne, wobei Unterkiefer und Oberkiefer jeweils 4 Schneidezähne, 2 Eckzähne und 10 Backenzähne enthalten. Ein Zahn besteht jeweils aus Zahnkrone, Zahnhals und der mit dem Kiefer verbundenen Zahnwurzel. Von außen nach innen unterscheidet man am Zahn den harten Zahnschmelz, das weichere Zahnbein und das Nerven und Gefäße enthaltende Zahnmark. Zahnfleisch und Haltefasern bilden den Zahnhalteapparat.

Funktion

Neben der Zerkleinerung von Nahrung haben die Zähne eine wichtige Funktion für die Lautbildung beim Sprechen und die Formgebung der unteren Gesichtspartie.

Störungen

Zahnschmerzen durch Karies, Entzündung des Zahnhalteapparates (Paradontitis), Bissstörungen durch Fehlstellung oder Fehlen von Zähnen. Zahnkontaktstörungen können aufgrund einer asymmetrischen Belastung der Kaumuskulatur und Kiefergelenke zu Beschwerden des Kauapparates führen. Darüber hinaus kann es durch die neuronale Verschaltungen mit der Halswirbelsäule zu Nackenbeschwerden kommen.

Kiefergelenk

Anatomie

Der Kiefer besteht aus Oberkiefer (Maxilla) und Unterkiefer (Mandibula), welche durch das Kiefergelenk (Craniomandibulargelenk) miteinander verbunden sind. Nur der Unterkiefer kann mithilfe der Kaumuskulatur bewegt werden.

Funktion

Der Kiefer dient zum einen der Nahrungsaufnahme bzw. der Nahrungszerkleinerung mithilfe der im Kiefer sitzenden Zähne, zum anderen ist der Kiefer an der Sprachbildung beteiligt.

Störungen

Verschiedenste Störungen können auftreten, z.B. Cranio-mandibuläre Dysfunktion mit evtl. assoziierten Kiefergelenksschmerzen, Nackenschmerzen, Ohrenschmerzen, Kiefersperre, Kieferzysten, Kieferhöhlenentzündung, Kiefergelenkentzündung. Aufgrund der Verbindungen zwischen der Innervation der Kiefergelenke und Kaumuskulatur einerseits und der Halswirbelsäule andererseits kann es durch Kieferstörungen zu Nackenproblemen kommen. Dies kann gegebenenfalls durch kieferorthopädische Schienen adressiert werden. Bei einer Tendenz zum Zusammenpressen der Zähne/Zähneknirschen (Bruxismus) kann eine Aufbissschiene hilfreich sein.

Hand (Karpaltunnel)

Anatomie

Die Hand besteht knöchern aus den Fingergliedern, den Mittelhandknochen und den Handwurzelknochen, welche im Handgelenk an Speiche und Elle angrenzen. Hinsichtlich der weichteiligen Anatomie sind zahlreiche kleine Muskeln sowie vom Unterarm zu den Fingern ziehende Sehnen vorhanden. 

Störungen

Ein Karpaltunnelsyndrom ist ein relativ häufig vorkommendes Nervenengpasssyndrom, aufgrund von strukturellen knöchernen oder weichteiligen Veränderungen auf der Hohlhandseite des Handgelenkes. Durch eine Einklemmung des Nervus medianus, welcher Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger und teilweise Ringfinger sensibel und motorisch versorgt, kommt es zu Sensibilitätsstörungen und Kraftminderungen dieser Finger sowie insbesondere nächtlichen Schmerzen von Hand und Arm. Ähnliche Beschwerden können auch Pathologien der Halswirbelsäule hervorrufen. So kommt es z.B. bei Irritationen der C6-Nervenwurzel der HWS zu einer Affektion von Daumen und Zeigefinger.

BWS

Anatomie

Die Brustwirbelsäule als oberer Anteil der Rumpfwirbelsäule schließt sich der Halswirbelsäule an. Sie besteht aus 12 Wirbeln, welche durch Bandscheiben und Wirbelgelenke miteinander verbunden sind. Die Brustwirbelsäule hat physiologischerweise eine leicht nach hinten konvex gekrümmte Form (Kyphose).

Funktion

Wie jeder Wirbelsäulenanteil umgibt und schützt die Brustwirbelsäule einen Teil des Rückenmarks. Durch den Ansatz der 12. Rippen trägt die Brustwirbelsäule zur Stabilisierung des Brustkorbes bei. Als Teil der Rumpfwirbelsäule ist die Brustwirbelsäule ebenfalls für die Beweglichkeit des Rumpfes zuständig.

Störungen

Störungen der Brustwirbelsäule können u.a. zu Rücken- und Brustkorbschmerzen, Bewegungseinschränkungen des Oberkörpers, eingeschränkter/schmerzassoziierter Atmung führen. Die oberen Segmente der Brustwirbelsäule gehören funktionell zur Halswirbelsäule. Störungen insbesondere dieser Region der Brustwirbelsäule können daher zu Nackenbeschwerden führen.

LWS

Anatomie

Die Lendenwirbelsäule ist der Abschnitt der Rumpfwirbelsäule zwischen Brustwirbelsäule und Kreuzbein/Sacrum. Sie besteht normalerweise aus 5 Wirbeln und ist nach vorne gekrümmt (Lordose).

Funktion

Die Krümmung trägt zur Stoßdämpfung der Wirbelsäule bei.  Die kleinen Wirbelgelenke und Bandscheibenverbindungen bedingen die Beweglichkeit der einzelnen Lendenwirbelsäulensegmente. Darüber hinaus besteht eine Schutzfunktion der Lendenwirbelsäule für die unteren Nervenwurzeln des Rückenmarkes.

Störungen

Zu den Störungen der Lendenwirbelsäule zählen Fehlhaltungen wie Skoliose, Wirbelgleiten, Spinalkanalenge, Bandscheibenveränderungen und Facettengelenksarthrosen.

Aufgrund der funktionellen und anatomischen Verbindungen zur Halswirbelsäule können z.B. Fehlhaltungen der Lendenwirbelsäule über muskuläre und bindegewebige Ketten (Faszien) zu Nackenbeschwerden führen.

Becken und Beine

Anatomie

Das Becken, als Verbindung zwischen Rumpf und unteren Extremitäten, besteht aus den beiden knöchernen Hüftbeinen, welche jeweils wiederum aus den Knochenanteilen Darmbein, Sitzbein und Schambein bestehen. Eine Verbindung zur Wirbelsäule besteht durch die beiden Kreuz-Darmbeingelenke, zu den unteren Extremitäten durch die Hüftgelenke.

Funktion

Die Festigkeit und Stabilität des Beckens ist für einen sicheren Stand und eine aufrechte Haltung des Körpers wichtig. Darüber hinaus umgibt das Becken schützend die Beckenhöhle mit den Urogenitalorganen.

Störungen

Störungen des Beckens und besonders seiner Verbindungen können zu den unterschiedlichsten Symptomen führen, z.B. Gangstörungen, Wirbelsäulenbeschwerden im Bereich der LWS/HWS, Hüftschmerzen, Leistenschmerzen.

Innere Organe

Anatomie

Zu den inneren Organen bzw. Eingeweiden gehören im Bereich des Brustraumes primär Herz und Gefäße sowie Lungen und Atemwege, im Bauchraum Magen und Darm, Leber, Gallenblase und Milz. Darüber hinaus Nieren, Harnwege sowie weibliche und männliche innere Geschlechtsorgane und Hormondrüsen.

Funktion

Die inneren Organe gewährleisten die grundlegenden Funktionen des Organismus. Dazu gehören Gewebedurchblutung, Gasaustausch, Nahrungsaufnahme und -ausscheidung, Regulation des Wasserhaushaltes, Energiestoffwechsel, Entgiftung, immunologische Vorgänge, hormonelle Regulation und Fortpflanzung.

Störungen

Insbesondere Störungen im Bereich der Brusteingeweide, das heißt Herz und Lungen, können sich aufgrund von segmentalen Verschaltungen auf die obere Brustwirbelsäule bzw. den unteren Nackenbereich auswirken.

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