Somatosensorisch modulierbarer Tinnitus
Warum sich Tinnitus durch Bewegungen oder Muskelaktivität ändern kann
Kurze Zusammenfassung
Ein somatosensorisch modulierbarer Tinnitus liegt vor, wenn sich Ohrgeräusche durch Nackenbewegungen, Muskelanspannung oder Kieferaktivität verändern lassen. Dieses Phänomen ist wissenschaftlich gut belegt und beruht auf der engen neurophysiologischen Verschaltung von Hörsystem, Nacken, Kiefer und Gesicht im Hirnstamm, insbesondere über den trigeminocervicalen Komplex (TCC).
Der Nacken ist dabei keine alleinige Ursache, kann jedoch als relevanter Modulator wirken, indem veränderte muskuläre oder propriozeptive Signale die zentrale Reizverarbeitung beeinflussen. Studien zeigen, dass solche somatischen Einflüsse bei einem erheblichen Teil der Betroffenen eine Rolle spielen können.
Für Diagnostik und Behandlung bedeutet dies, dass bei entsprechenden Hinweisen eine differenzierte funktionelle Analyse sinnvoll ist. Diese geht über das Ohr hinaus und berücksichtigt gezielt verschiedene körperliche und neurophysiologische Einflussfaktoren, z.B.:
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die neuromuskuläre Balance im Schulter-Nacken-Bereich
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mögliche Koaktivierungen oberflächlicher Muskulatur (z. B. Trapezius, SCM)
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Kiefergelenk und Kaumuskulatur (CMD-assoziierte Faktoren)
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Kraft, Koordination und Ausdauer der Nackenmuskulatur
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Haltungsmuster, einschließlich der Brustwirbelsäule
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übergeordnete Regulationsprozesse des autonomen Nervensystems
(Zusammenspiel von Sympathikus und Parasympathikus) -
Atmung, Stressreaktionen und Arbeitsbelastung, z. B. vermehrte Aktivierung von Nacken- oder Kiefermuskulatur unter Stress oder bei längerer Bildschirmarbeit
Je nach Fragestellung können diese Aspekte mittels Oberflächen-EMG, Kraft- und Koordinationsmessungen gezielt untersucht werden.
Ziel ist dabei nicht die Suche nach einer einzelnen Ursache, sondern das Verstehen der bei Ihnen vorliegenden individuellen Zusammenhänge zwischen Tinnitus, Körper und Nervensystem um damit ein individuell auf Ihre Situation abgestimmtes Therapieprogramm für eine nachhaltige Verbesserung zu erstellen.
Viele Menschen mit Tinnitus stellen fest, dass sich ihre Ohrgeräusche durch Nackenbewegungen, Muskelanspannung oder Kieferaktivität verändern. Die Lautstärke schwankt, der Ton wird höher oder tiefer, manchmal verändert sich sogar das Klangbild.
Diese Beobachtung ist kein Zufall. In der modernen Neurootologie spricht man in solchen Fällen von einem somatosensorisch modulierbaren Tinnitus – einem wissenschaftlich gut beschriebenen Phänomen, bei dem körperliche Signale die zentrale Hörverarbeitung beeinflussen.