Was tun, wenn keine körperlichen Ursachen gefunden werden?

Kurz zusammengefasst:

  • Die Aussage „wir finden nichts“ bedeutet nicht, dass Ihre Beschwerden eingebildet oder unbeeinflussbar sind.
  • Sie zeigt vielmehr die Grenzen einzelner Untersuchungsmethoden – nicht die Grenzen möglicher Hilfe.
  • Viele relevante Ursachen liegen auf funktioneller, nervaler oder systemischer Ebene und lassen sich gezielt erfassen.
  • Durch eine differenzierte Betrachtung eröffnen sich konkrete Ansatzpunkte für Diagnostik und Therapie.
  • Es gibt Wege, trotz fehlender eindeutiger Befunde handlungsfähig zu bleiben und aktiv Einfluss auf die Beschwerden zu nehmen.

Wichtig zu wissen:

Nicht alles, was relevant ist, ist sofort sichtbar – aber vieles ist erklärbar und behandelbar.

„Wir finden nichts“ – warum diese Aussage so belastend sein kann

Wenn trotz vieler, oft auch wiederholter Untersuchungen keine eindeutige Ursache für Beschwerden gefunden wird, ist das für Betroffene eine äußerst schwierige Situation. Häufig stammen diese Aussagen von Orthopäden oder Neurologen und beziehen sich auf unauffällige Befunde in Röntgen, MRT, Blutwerten oder neurologischen Tests.

Nicht selten hören Patientinnen und Patienten dann Sätze wie:

  • „Daran müssen Sie sich wohl gewöhnen.“
  • „Man kann da nichts machen.“
  • „Das ist vermutlich Stress.“

Viele Betroffene erleben diese Aussagen nicht als Entlastung, sondern als Infragestellung ihrer Beschwerden. Schnell entsteht der Eindruck die Beschwerden seien "psychisch", und Patienten fühlen sich nicht ernst genommen.

Was Ärzte mit „wir finden nichts“ eigentlich sagen

Wichtig ist, diese Aussage korrekt zu verstehen.
Unausgesprochen bedeutet sie meist:

  • „Mit unseren derzeitigen Untersuchungsmethoden und unserem spezifischen Fachblick finden wir keine eindeutig messbare oder bildlich darstellbare Ursache für Ihre Beschwerden.“
  • Das ist keine Aussage darüber, ob Beschwerden real sind – sondern lediglich darüber, was mit bestimmten diagnostischen Verfahren sichtbar gemacht werden kann.

Drei häufige, aber falsche Annahmen

Hinter der Aussage „wir finden nichts“ verbergen sich oft drei unausgesprochene Annahmen, die so nicht zutreffen:

  • Nackenbeschwerden müssen durch strukturelle Schäden verursacht sein.
  • Diese Schäden müssen im MRT, Röntgen oder Blut sichtbar sein.
  • Nur deutlich sichtbare Veränderungen können relevante Symptome erklären.
  • Diese Annahmen greifen bei chronischen Beschwerden jedoch häufig zu kurz.

Ursachen, die in Standarduntersuchungen nicht sichtbar sind

1. Funktionelle Störungen der Halswirbelsäule

In vielen medizinischen Fachbereichen sind Funktionstests selbstverständlich. In der Orthopädie werden sie jedoch noch zu selten konsequent eingesetzt.
Dabei können relevante Störungen bestehen, obwohl bildgebende Verfahren unauffällig sind, zum Beispiel:

  • Überbeweglichkeit oder funktionelle Instabilität der Halswirbelsäule
  • Kraft-, Koordinations- oder Haltungsschwächen
  • neuromuskuläre Dysbalancen im zervikalen Bereich

Die Struktur erscheint „intakt“, aber die Funktion ist gestört.

2. Störungen des Schmerz- und Nervensystems

Schmerz entsteht nicht ausschließlich im Gewebe, sondern wird im Nervensystem verarbeitet und bewertet. Die bewusste Wahrnehmung findet im Gehirn statt. Bekannt ist dieses Prinzip unter anderem durch:

  • ausstrahlende Beschwerden bei Bandscheibenvorfällen
  • Phantomschmerzen nach Amputationen

Auch bei Nackenbeschwerden können daher Störungen vorliegen auf Ebene von:

  • peripheren Nerven (z. B. Engpass- oder Reizzustände)
  • der Nervenleitung
  • der zentralen Schmerzverarbeitung („Schmerzgedächtnis“, Sensibilisierung)

Diese Veränderungen sind häufig funktionell und nicht direkt sichtbar.

3. Einflüsse anderer Körpersysteme auf den Nacken

Der Nacken steht in enger Wechselwirkung mit anderen Systemen. Relevante Einflussfaktoren können sein:

  • craniomandibuläre Dysfunktion (CMD), Zahn- und Bissstörungen
  • Fehlstatiken wie Skoliose oder Beinlängendifferenzen
  • Stoffwechsel-, Hormon- oder Schilddrüsenstörungen

Auch hier gilt: Die Ursache liegt nicht zwingend im Nacken selbst, wirkt sich aber dort aus.

Warum diese Einordnung wichtig ist

Das Verständnis, dass Beschwerden real sind, auch wenn sie nicht eindeutig „sichtbar“ sind, ist ein zentraler Schritt. Es ermöglicht:

  • Entlastung von Selbstzweifeln
  • ein besseres Verständnis der eigenen Situation
  • eine gezieltere, differenzierte Herangehensweise an Diagnostik und Therapie
  • Chronische Beschwerden erfordern häufig einen Blick über einzelne Fachgrenzen hinaus.

Weiterführende Informationen

Detaillierte Erklärungen zu funktionellen Ursachen, Störungen des Nervensystems und weiteren Einflussfaktoren finden Sie auf unseren themenspezifischen Unterseiten.

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