3. Steuerungssysteme

Unser Leben ist ohne Steuerungssysteme nicht möglich

Unser Nervensystem, unsere „Steuerung“ ist der zentrale Bereich, in dem alles zusammenläuft.
Ohne unser Nervensystem könnten wir uns nicht bewegen, nicht fühlen, nicht handeln, ja nicht einmal leben.
Für alles, was Leben ausmacht, benötigt es diese Steuerungssysteme. Selbst so scheinbar einfache und ständig ablaufende Vorgänge wie die Atmung oder der Herzschlag sind ohne Nervensystem nicht möglich – und bei genauem Hinschauen sehr komplex mit allem anderen verknüpft.

Schmerz ist dabei als erstes wie eine Warnlampe, die uns genauso wie andere Wahrnehmungen,
z.B. Ärger oder Angst, auf eine Störung hinweisen will.


Bleiben wir nun noch einmal bei dem banalen, aber eindrücklichem Bespiel vom Auto:
Was, wenn die Warnmeldung der Bremse erscheint, aber alles in Ordnung ist?

Hier stehen viele unserer Patienten: Viele, viele Untersuchungen und Behandlungen, aber keine eindeutigen Erklärungen.
Übersetzt: Die Bremse ist vielleicht nicht mehr ganz neu, aber eigentlich o.k. …
- Beim Auto verstehen wir sofort: Dann muss es ein Fehler in der Steuerung sein!

Hier begehen dann viele Ärzte den Fehler und halten die Beschwerden für „psychisch oder psychosomatisch“.
Der Patient fühlt sich verständlicherweise nicht ernst genommen, sonst wäre er ja zum Psychologen gegangen …
Natürlich bedrücken Menschen chronische Schmerzen und nicht selten machen Schmerzen, die man nicht lindern kann, depressiv. Aber „rein“ psychische Ursachen sind nach unserer Erfahrung bei Nackenschmerzen selten. Viel wahrscheinlich sind Störungen der Schmerzverarbeitung im Nervensystem wie Schmerzsensibilisierung und Schmerzgedächtnis, das hat sehr viel mit Steuerung und wenig mit „Psyche“ zu tun!

Und weiter: Je komplexer die Steuerung eines Systems, desto eher handelt es sich bei der Warnmeldung um eine Störung im System und nicht des "Endgerätes". Und um wieviel komplexer sind die Steuerungssysteme und mögliche "Fehler" in unseren menschlichen Steuerungssystemen.

Noch ein Bespiel:
Ein Blick in die Sonne erzeugt im Nervensystem Daten von einigen hundert TB/Sekunde, was rund 1.000.000 mal mehr ist, als USB 3.0 (640 MB) maximal pro Sekunde übertragen könnte. Das Gehirn reagiert innerhalb von Minisekunden komplex auf den Reiz und schützt uns durch koordinierte und richtungsbezogene Aktivierung von Muskeln mit gezielten körperlichem Ausweichen.

Wenn schon bei einem damit vergleichbar einfachen System wie einem Auto, der Fehler bei unauffälliger „Bremse“ (hier HWS/Nacken) in der Steuerung liegt, wie wichtiger ist es dann bei Menschen mit Nackenschmerzen sich die Steuerungssysteme ganz besonders genau auzuschauen!
Dies wird noch deutlicher, wenn wir berücksichtigen, dass bestimmte Nackenmuskeln sind mit so viele Nervenzellen ausgestattet, dass wir sie weniger als Muskeln, sondern mehr als Steuerungssensoren verstehen müssen, die mit Ihren Signalen das Gehirn über Position und Funktionszustand der Halswirbelsäule informieren.

Aber was bedeutet das für die Ursache von Nackenschmerzen?

 

Da die Verschaltungen in unserem Nervensystem wirklich sehr, sehr komplex sind, zunächst einige Fakten zur Verdeutlichung:

  • Bestimmte Nackenmuskeln sind mit so viele Nervenzellen ausgestattet, dass wir sie weniger als Muskeln, sondern mehr als Steuerungssensoren verstehen müssen, die mit Ihren Signalen das Gehirn über Position und Funktionszustand der Halswirbelsäule informieren.
  • Es gibt von bestimmten Gehirnregionen (Trigeminuskerne) direkte Verbindungen zwischen Nacken- und Augenmuskeln, aber auch zwischen Nacken- und Kaumuskulatur.
  • Der obere Bereich der Halswirbelsäule ist der beweglichste Teil der Wirbelsäule und im Gehirn eng mit der Gleichgewichtsregion (Schwindel) und Aufmerksamkeit (brain fog) verknüpft.
  • Chronischer Schmerz führt zu chronischem Stress im Nervensystem. Dies verändert das Hormonsystem, das Immunsystem und unser Selbstempfinden. Das autonome Nervensystem mit Sympathicus und Parasympathicus (Vagus) reagiert, Hormone passen sich an, Muskeln verändern sich, ein Teufelskreis setzt ein und verselbständigt sich.

Diese Liste könnten wir noch weit verlängern, irgendwann wäre es so viel, dass wir den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Genau deswegen benötigt es eine Strategie, mit der wir uns in der Komplexität orientieren können, statt in Anbetracht dessen zu kapitulieren und wieder in einfaches und damit so attraktives mechanisches Glaubensbild zurückfallen.

Genau hier kann uns die moderne Neurobiologie und Schmerzforschung helfen. Mit neuen Untersuchungsmethoden können wir zunehmend messen, wie unsere Steuerungssysteme arbeiten und wo sie nicht im Gleichgewicht sind.

Steuerungssysteme bei Nackenschmerzen analysieren

 

Je chronischer die Nackenbeschwerden, je mehr zusätzliche Symptome bestehen, besonders aber wenn Muskelübungen nicht mehr helfen, desto wichtiger wird die Analyse der steuernden Systeme und Ihrer Verknüpfungen.

Damit wir die Orientierung in der Komplexität und der engen Verknüpfung bzw. Überlappung der Systeme nicht verlieren ist es wichtig, dass wir uns die verschiedenen Ebenen der Steuerungssysteme und Untersuchungsmöglichkeiten veranschaulichen:

  • Oberflächliche Ebene der Wahrnehmung, d.h. unser Empfinden
    - Schmerzempfinden
    - An- Entspannungsgefühl
    - Innere Ruhe/Unruhe
  • Mittlere Ebene der Körperregulation
    - Lokale Schmerzempfindlichkeit (Algometrie)
    - Muskelan-/Entspannung (EMG)
    - Regulationsfähigkeit des Autonomen Nervensystem Sympathicus / Parasympathicus / Vagus (HRV-Herzratenvariabilität)
    - Kausystem (Kiefer-Nackenmuskulatur)
  • Tiefe Ebene der Neurobiologie
    - Schilddrüsen-/Stresshormone
    - Cortisolprofil
    - Entzündungswerte

Auch hier könnten wie viele weiter Punkte unter den Ebenen ergänzen. Für jede Ebene bestehen unterschiedliche Möglichkeiten die Funktion der Steuerungssysteme zu prüfen. Manches kann mehr auf der einen Ebene, manches mehr auf einer anderen Ebene geprüft werden.
Zur Prüfung auf ein Schmerzgedächtnis hat sich z.B. die Kombination von Fragebögen und Algesiometer (Schmerztest) bewährt. Für Störungen im Stress- und Hormonsystem die Kombination eines vegetativen Regulationstest mit einer Blutuntersuchung.

Aber auch hier gilt „tailored“: Die Untersuchungen machen nur Sinn, wenn sie individuell zusammengestellt werden.

Weitere Informationen

Informationen zum Schmerz-System

In unserem Nervensystems führen chronische Schmerzen zu Veränderungen die sich dramatisch von den Reaktionen bei akuten Schmerzen unterscheiden können.

In bestimmten Situationen kann eine Schmerzchronifizierung oder sogar eine Überreaktion auf kleine Schmerzreize entstehen. Bei der Schmerzchronifizierung entkoppelt sich, vereinfacht gesagt, die Schmerzreaktion vom Schmerzort.

Überreaktion des Schmerzsystem

Bei der Überreaktion können schon kleine Schmerzreize, ähnlich wie bei einer Allergie, eine Überreaktion und damit eine verstärkte Schmerzreaktion im Nervensystem auslösen (Hyperaktives Schmerzsystem).

Beide Veränderungen führen zu einer erheblichen Schmerzverstärkung,
Typischerweise können dann lokale Behandlungen, selbst Massagen und Wärme, die Schmerzen nur kurz lindern. Manchmal werden die Schmerzen durch die Behandlung verstärkt.

Der chronische Schmerz kann aber auch unser emotionales Nervensystem beeinflussen, sodass Antriebsmangel bis hin zu Depressionen ausgelöst werden können. Wenn zusätzlich noch Überforderungen im Alltag bestehen, können Erschöpfungssyndrome wie Burn-out auftreten.

Über das emotionale System ist auch eine Verbindung zu älteren Unfällen, Verletzungen oder seelischen Belastungen möglich.
Die Bereiche können dabei so intensiv in den Schmerz mit hineinspielen, dass sie die eigentliche Ursache überlagern.
Oft bemerkt der Patient dann, wenn er sich von außen beobachtet, dass eigentlich eine überstarke Schmerzreaktion und Beeinträchtigung vorliegt.

In der ganzheitlichen Betrachtung chronischer Schmerzen ist es deshalb von großer Wichtigkeit, auch diese Aspekte anzusprechen und in der Therapie zu berücksichtigen.

Informationen zum Stress-System

Das vegetative (auch autonome) Nervensystem ist, wenn wir die Entwicklungsgeschichte des Menschen ansehen, ein Bereich des Gehirns, der bereits sehr früh entwickelt wurde. Wir können es uns so vorstellen, dass in der weiteren Evolution Gehirnareale, z.B. das Großhirn,  dazu kamen und sich auf diesen, bereits bestehenden Bereich, aufgesetzt haben.

Wann immer unser Nervensystem eine Situation als Gefahr wahrnimmt, reagieren diese Anteile des autonomen Nervensystems sofort mit Maßnahmen, die unser Überleben sichern sollen. Diese Reaktionen auf Gefahr sind in unserem Gehirn fest programmiert. Die Hauptaufgabe:
Bereitstellung von Energie um körperliche Gefahren durch Kampf  zu begegnen oder durch Flucht zu entkommen.

Die Verschaltungen in unserem Gehirn sind dabei so angelegt, dass alle Sinneskanäle (Augen Ohren, Nase) mit denen wir Gefahren wahrnehmen können, direkten Kontakt  zu den Schaltzentralen im autonomen Nervensystem haben. Diese reagieren bei einer Situation, die unser Gehirn als Gefahr deutet, sofort mit der Bereitstellung von Energie.
Da unser Gehirn sich entwickelte, indem es primär wichtig war körperlich zu überleben, entstand ein Reaktionssystem, das auf lebensbedrohliche Situationen ausgerichtet war: In diesem Zusammenhang haben sich drei Reaktionsweisen programmiert: fight, flight or freeze.
Gleichzeitig  zur körperlichen Reaktion werden die Informationen an unser Bewusstsein weitergeleitet. Wenn wir also im Bewusstsein die Gefahr wahrnehmen, hat der Körper bereits reagiert und alles für die Kampf- oder Fluchtreaktion vorbereitet.

Man kann es sich so vorstellen wie ein Brandmelder in einem Geschäftshaus, wenn der Sensor reagiert wird sofort die Sprinkleranlage angestellt und parallel die Feuerwehr verständigt.

Stress - der Angreifer des zivilisierten Menschen

Welche Situation unser Nervensystem als Gefahr deutet, ist von Mensch zu Mensch sehr verschieden und hat viel mit unseren Erfahrungen, insbesondere denen aus unserer Kindheit, aber auch unserem aktuellen Befinden zu tun.
Unser Überlebens-Reflex-Nervensystem reagiert nicht nur in lebensbedrohlichen Situationen, diese haben wir in unserem Alltag in Europa ja eher selten, sondern auch in vielen anderen Situationen, typischerweise jede Form, die bei uns Stress auslösen kann. So können Überforderung, Unterforderung, Ärger, Unzufriedenheit, etc. dieses System aktivieren. Auch kleinere Reize können eine Aktivierung auslösen. Oft ist diese dann aber angepasst an die Größe des Reizes und kann z.B. gering ausfallen. 

Ein anschauliches Beispiel ist die, unter Stress bereitgestellte Energie in der Nackenmuskulatur. Bei geringem Stress kann diese so niedrig sein, dass wir sie erst spüren wenn wir mehrere Tage oder Wochen in der Stresssituation verbringen.

Das Wichtigste ist nun, um die Zusammenhänge und Auswirkungen zu verstehen und zu Bedenken, dass wir in unserem Alltag in vielen Bereichen latenten, niederschwelligen Stressbelastungen ausgesetzt sind.
Dabei wird die eigentlich für körperliche Aktivität, wie Flucht oder Angriff zur Verfügung gestellte Energie für Stoffwechsel und Muskulatur aber nicht abreagiert, sodass sie sich verbrauchen kann,  sondern bleibt ungenutzt als Anspannung im Körper und Muskel bestehen. Die Folgen können wir tagtäglich spüren.
Im übergeordneten Blick, aus der "Metaebene", können wir die Funktion von Stressgefühlen besser verstehen.
Unabhängig von unserer bewussten Einschätzung mit dem Verstand zeigen Stressgefühle oder Stressreaktionen, dass wir uns im Inneren nicht wohl, oder sogar in unserem Selbst bedroht fühlen.
Statt Stressbewältigung oder Entspannungstraining wäre es dann wichtiger uns zu fragen: Was löst unsere Reaktion aus und was sagt mir mein Inneres damit.
Was bedroht unsere Entwicklung? Welchem Bedürfnis sollten wir mehr Raum geben? Zu welcher Verhaltensänderung sollten wir die im Stress bereitgestellte Energie nutzen?

Dies ist nur ein kleiner Aspekt, der aber sehr deutlich aufzeigt, wie eng unser alltägliches Leben mit Muskulatur und insbesondere dem Nackenbereich verknüpft ist.
Es ist deshalb wichtig darüber zu sprechen, wie wir unseren Alltag gestalten und wie sich das auf unsere Beschwerden auswirkt, sodass wir Zusammenhänge entdecken und ändern können.

Informationen zum Emotionalen System

Manchmal hören wir es vielleicht nicht gerne, aber unser inneres Erleben, unsere Emotionen und Gefühle, sind so direkt
und schnell mit unseren körperlichen Reaktionen verbunden, dass wir sie im Bewusstsein erst wahrnehmen, wenn im Körper alles passiert ist.

So kann man uns manchmal etwas ansehen, bevor wir selbst es spüren.

Wenn wir die Ergebnisse der im Moment explodierenden Neurowissenschaften, der Bio-Neuropsychologie oder der Psycho-Neuro-Immunologie lesen, können wir nur fasziniert sein, von den vielen Facetten und der untrennbaren Verknüpfung von Körper und Emotion.

Die Nackenmuskulatur hat in diesem Zusammenhang eine ganz besondere Bedeutung.
Da unser Kopf und Nacken für unser körperliches und soziales Leben und Überleben mit die wichtigsten Organe sind,
ist die Spannung und Aktivität der Nackenmuskulatur in jeder Situation unseres Lebens mit eingebunden.
Dabei führen 2 Umstände zu deutlich größeren Störungen:

  • Wenn es uns emotional oder sozial nicht gut geht, wir uns nicht wohlfühlen,
    bedeutet dies Stress für unser vegetatives Nervensystem.
    Dies führt automatisch zur Anspannung der Nackenmuskeln.
  • Wenn wir schwierige Lebenssituationen, Krankheiten oder traumatische Ereignisse erlebt haben,
    können diese unsere heutigen Reaktionen prägen.
    Enstehen dann im Alltag Situation, die in unserem Nervensystem eine Erinnerung an diese Situation auslösen,
    wird das alte, unbewusste Verhaltensmuster aktiviert.
    Vielleicht sind wir dann "auf der Hut", "ziehen schnell den Kopf ein" oder "beißen uns durch".
Steuerungsystem und Schmerzmatrix
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