Angst, Panikattacken

Was hat das Symptom Angst mit Nackenschmerzen zu tun?

Natürlich könnten wir schnell über den Spruch „die Angst sitzt uns im Nacken“ einen Zusammenhang herstellen. Aber was bedeutet das? Oder ist es doch nur eine alte Floskel ohne Bedeutung?

Unabhängige Untersuchungen, die sich mit chronischen Schmerzen beschäftigen, zeigen deutlich, dass sehr viele Patienten die an Nackenbeschwerden und Verspannungen leiden, über zusätzlichen emotionale Symptomen wie Angst, Panikattacken oder Depression berichten.
Aber was war zuerst?

Kann Angst den Nacken verspannen?
Oder kann ein verspannter Nacken Angst auslösen?

Chronische Körperschmerzen können verständlicherweise durch die Einschränkung unserer Lebensqualität, Lebensfreude und unseres Wohlbefindens immer auch unsere Psyche und  Befindlichkeit negativ beeinflussen. Aber warum können manche Menschen chronische Schmerzen besser verkraften und andere entwickeln zusätzliche Einschränkungen, die mit Angst, Depression oder Panik einhergehen?
Neben dem Problem der chronischen Schmerzen, die zur Einschränkung unserer Lebendigkeit führen, muss es also auch vom Schmerz unabhängige Faktoren für Angst bei Nackenschmerzen geben.

Zurück zu unserem Spruch vom Anfang. Ein wichtiger Punkt, der uns weiterhelfen kann und der den Nacken deutlich vom unteren Rücken unterscheidet, ist die sehr enge Verbindung der Nackenmuskulatur in die Bereiche des Nervensystems, die mit Einschätzung unserer Umwelt und unseren Emotionen verbunden sind. Zusätzlich findet sich im Nacken eine sehr enge Kopplung an alle Organe mit denen wir die Umwelt wahrnehmen. Es gibt schnelle Verbindungen insbesondere zu den Augen, zu den Ohren und der Körperempfindung.
Über diesen Mechanismus wird auch die direkte Anspannung der Muskulatur in Gefahrensituationen ausgelöst.

"Den Kopf einziehen", "die Schulter hochziehen" - diese Sprichwörter stehen beispielhaft dafür, dass unser Körper in Gefahrensituationen besonders versucht Nacken und Kopf, als unsere wichtigsten menschlichen Organe, zu schützen.
Denn jeder äußere Einfluss, den unser unbewusstes autonomes Nervensystem als Gefahr einschätzt oder der uns verminderte Sicherheit vermittelt, führt wie bei einem Reflex, zu einer Voraktivierung der Nackenmuskulatur.
Insofern müssten wir den Spruch eigentlich modifizieren und schreiben "die Furcht" oder "die Unsicherheit sitzt uns im Nacken", denn die Anspannung ensteht, damit wir schnell reagieren und uns, bzw. unser wichtigstes Organ, Hals und Kopf schützen können.

Auch chronische Schmerzen aktivieren diesen Mechanismus, da wir uns schützen wollen, aber den Schmerzen dann doch oft auch hilflos ausgeliefert sind. So entsteht ein Teufelskreislauf aus Schmerz, Schutzhaltung und Anspannung, der je nach eigenem Lebensweg und Erfahrungen, auch zu Depression, Angst und Panik führen kann.

Der Vagusnerv
Eine in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewinnende Erklärung dieser direkten Zusammenhänge zwischen körperlichen Beschwerden und Emotionen ist die Regulation unseres Autonomen Nervensystem (ANS). Im wesentlichen besteht es aus 2 Anteilen, dem sympathischen und dem parasympathischen Nervensystem. Über den Vagus, den Hauptnerv des Parasympathicus, werden alle Informationen die unseren Körper beruhigen weitergeleitet. So führt eine Aktivierung z.B. zu niedrigerem Herzschlag und tieferer Atmung. Wenn der Parasympathikus zu "schwach" ist, kann also die Herzfrequenz steigen und die Atmung aktiviert werden. Beides führt aber zu einem Gefühl von Unruhe. Wenn gleichzeitig auch andere Bereiche weniger aktiviert werden, ist es zu Angst und Panikgefühlen nicht mehr weit.
Das Besondere ist nun, dass der Vagus eng mit der Halswirbelsäule verknüpft ist und bestimmte Bereiche am Hals nur vom Vagus versorgt werden. Dafür das der Vagus aber mechanisch, wie es von amerikanischen Chiropraktoren behauptet wird, eingeklemmt oder durch eine Bandinstabilität zwischen 1.+2. Halswirbel oder eine "craniocervicale Instabilität" mechanisch gestört wird, gibt es keine tatsächlichen Untersuchungen. Diese Erklärung ist dann doch zu mechanisch und rührt noch aus Vorstellungen des letzten Jahrhundert. Trotzdem erklärt der diese Verbindungen viele der unklaren Symptome, sodass in diesen Fällen immer eine weitere Abklärung des Vagus und des Autonomen Nervensystem erfolgen sollte.

Belastende Lebenserfahrungen
Eine andere Möglichkeit ist, dass bestimmte, uns oft nicht bewusste innere Einstellungen, ein längst vergessenes Trauma oder schlechte Erfahrungen uns geprägt haben. Wenn wir als Baby oderin der Kindheit nicht ausreichend durch unsere Eltern beruhigt wurden können wir im späteren Leben empfindlicher auf Stress reagieren und eher übermässige Angs erleben. Neue Untersuchungen zeigen, das bereits Stress in der Schwangerschaft der Mutter, zu einer später erhöhten Empfindlichkeit für Angstgefühle beim Kind bzw. selbst Erwachsenen führen kann. In diesen Situationen können Schmerzen, alleine dadurch dass wir sie nicht beeinflussen können und sie uns chronisch belasten, wie bei einer Allergie, zusätzliche Aktivierungen in unserem emotionalen Nervensystem hervorrufen und so auch Angst, Panik, Hilflosigkeit auslösen.

Es ist wichtig das Ganze zu sehen!
Es lohnt sich also, besonders wenn neben den Nackenschmerzen auch einschränkende andere Gefühle bestehen, genau darüber nachzudenken welche zusätzlichen Erfahrungen und Erlebnisse uns geprägt haben. Denn wenn wir die zusätzliche, oft verstärkende Faktoren erkennen, können wir gezielte Strategien entwickeln und uns besser aus Hilflosigkeit, Angst und Ohnmacht befreien. Denn je mehr wir wieder selbst handeln können, desto sicher können wir uns fühlen, und Sicherheit ist letzlich die Basis die s braucht damit die Angst und damit die Ver-Anspannung geht. Das hat jedoch nichts mit einfacher Hauspsychologie zu tun, denn es ist nicht möglich sich einfach anderes Verhalten oder Denken vorzunehmen. Es bedarf vielmehr einer umsichtigen Strategie und eines liebevollen Umgangs mit sich selbst. Am Ende ist die Beschäftigung mit den Hintergründen eigener Angst oder Depression aber immer hilfreich und führt zu einer Befreiung im Leben. Je mehr wir die Hintergründe und uns damit selbst besser verstehen, desto mehr können wir uns selbst unterstützen und fast im Nebenbei reduzieren sich Symptome und Schmerzen, weil wir wieder handlungsfähiger und sicherer werden.

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