›  Infoboard  ›  Nackenwissen  ›  Diagnosen  ›  CIS

Überbeweglichkeitssyndrom der Halswirbelsäule

In der jahrelangen Betreuung von Menschen mit chronischen Nackenbeschwerden kristallisierten sich immer wieder ähnliche Situationen heraus.

Eine sehr typische Konstellation bei chronischen Beschwerden, besonders wenn Verspannungen im Nacken im Vordergrund stehen, ist die Verbindung einer angeborenen Überbeweglichkeit der Halswirbelsäule und einer dafür unzureichenden muskulären Führung bzw. Stabilität.

Typische Symptome:

  • wiederholtes oder chronisches Verspannungsgefühl der Nackenmuskulatur
  • Knacken und Blockierungen der Halswirbelsäule
  • verstärkt gerade Halswirbelsäule (Streckhaltung)

Fälschlicherweise wird bei den Untersuchungen von Ärzten und Therapeuten oft nur auf eine Einschränkung der Bewegung geachtet.
Nach unserer Erfahrung ist jedoch die Überbeweglichkeit in ihrer Auswirkung viel gravierender und ein großer Risikofaktor für chronische Beschwerden.
Bei einer Überbeweglichkeit, z.B. durch eine angeborene Bandschwäche, wird die Wirbelsäule in diesem Bereich nicht ausreichend, sodass  ungünstige Bewegungen oder Überlastungen  schneller zu Reizungen führen.

Ein sehr banales, aber zum Verständnis hilfreiches Beispiel ist z.B. eine mechanische Führung.
Hat diese zu viel Bewegung ("Spiel") werden die Teile nicht ausreichend gesichert, sich können sich verklemmen oder verhaken.
In der Folge kann sich Halterung schneller abnutzen (= bei Mensch: entzünden, reizen, Verschleiß).

Auch wenn wir in unserer Praxis sehr ganzheitlich denken, heißt dies nicht, dass wir die grundlegenden Funktionen des Bewegungsapparates, speziell der Halswirbelsäule, vernachlässigen dürfen.

Bei der Überbeweglichkeit haben wir tatsächlich primär eine mechanische Herausforderung.

An anderes Beispiel: Denken Sie an die überbeweglichen Artisten, die Kontorsionisten (Schlangenmenschen), welche bereits in der frühen Kindheit trainieren, damit sich gezielt eine Überbeweglichkeit entwickelt.

Sie wissen aber genau, und das ist in der statistischen Tradition vermittelt, dass die vermehrte Beweglichkeit nur dann gesundheitlich verträglich ist, wenn sie gleichzeitig die äußere Stabilität durch die Muskulatur um den gleichen Effekt steigern. Deshalb trainieren Sie täglich nicht nur die Beweglichkeit, sondern ganz intensiv auch die Kraft der Muskulatur.

Was aber macht der Körper wenn die Muskulatur zur Stabilisierung am Bewegungsapparat nicht ausreicht?
Im übertragenen Sinn fühlt er sich genauso unsicher wie wir, wenn wir etwas tun müssen, dem wir uns nicht gewachsen fühlen. Wir verspannen uns.

Für eine Verbesserung hilft dann nur, die muskuläre Stabilität der Halswirbelsäule zu verbessern. Fälschlicherweise wird von den Therapeuten oft genau das Gegenteil empfohlen. Statt die Verspannung dadurch zu reduzieren, dass wir unsere Kraft verbessern, empfehlen sie den verspannten Muskel zu dehnen.
Damit reduziert sich zwar kurz der Verspannungsschmerz, die Überbeweglichkeit wird jedoch eher schlechter und langfristig nehmen die Symptome zu!

Neben den Verspannungen  sind Blockierungen der Wirbel ein Hauptsymptom der Stabilisierungsschwäche.

Wenn über Jahre falsch behandelt wurde, berichten die Patienten fast immer über die gleichen typischen Verläufe:

Zuerst bestanden nur Verspannungen der Nackenmuskulatur, dann entwickelten sich Blockierungen, sodass Chirotherapie und Einrenken erfolgte. Manchmal sah es danach für mehrere Monate deutlich besser aus. Im Laufe der Zeit, oft über Jahre, werden die Abstände der Blockierungen und auch die Wirkung der Behandlung immer kürzer. Nicht selten berichten Patienten, dass sie sich täglich mehrfach in der Stunde selbst einrenken  müssen um die Spontanblockierungen zu lösen. Das Entspannungsgefühl hält am Schluss manchmal nur noch Sekunden an.

Auch wenn die Beschwerden manchmal über Jahre oder Jahrzehnte immer stärker werden, ist die richtige Behandlung oft schnell hilfreich.

Damit das Kräftigungstraining vertragen wird und ausreichende Wirkungszeit besteht, muss zunächst genau die Ausrichtung der Halswirbelsäule und das Zusammenspiel der einzelnen Anteile der Nackenmuskulatur geprüft werden. Wenn das motorische Programm, das heißt in welcher Reihenfolge und welcher Intensität die einzelnen Muskelanteile angesteuert werden, nicht richtig funktioniert, kann das Training nicht wirken oder sogar die Beschwerden verstärken.

Dabei ist es auch wichtig auf die richtige Reihenfolge der einzelnen Trainingsanteile zu achten. Wir nutzen hierbei ein spezielles Stufentraining, das sich an dem Training erreichten Fähigkeiten orientiert. Dehnungsübungen dürfen nur noch vor dem Kräftigungstraining durchgeführt werden.

Gerne können Sie mir über diesen Link im Online-Bereich weitere Fragen zu diesem wichtigen Thema stellen.

Dr. med. Marco Gassen

Stellen Sie eine Frage zu diesem Thema

Ihr Name *
erforderlich, wird veröffentlicht
Ihre Email
optional, wird nicht veröffentlicht. Sie erhalten eine Nachricht nach Beantwortung.
Ihre Frage *
Ich bin mit der Veröffentlichung meiner Frage und meines Namens einverstanden

Fragen und Antworten

von Michael am 11.06.2019

Bei mir wurde eine Überbeweglichkeit zwischen Axis und Atlas festgestellt. Ein Ligamentum Alaria ist leicht gelängt und ...

...mein Transversum ist verdickt. Kann man dies konventionell therapieren oder muss hier operiert werden? Danke!

Antwort von Dr. Marco Gassen

Hallo,

in Fachkreisen wird das sehr kontrovers diskutiert. Eine Operation wird auf keinen Fall durchgeführt, am wahrscheinlichsten ist auch dass die MRT Diagnose nicht richtig ist, denn die Bänder sehen bei jedem Menschen etwas unterschiedlich aus!

Zum Seitenanfang